28.02.05

Würth verschraubt die Welt

Professor Dr. h. c. Reinhold Würth blickt auf eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte zurück und hat sich zudem einen Namen als Förderer von Kunst und Kultur gemacht.

Künzelsau. Es ist eine dieser erstaunlichen Wirtschaftswundergeschichten, die ihren Anfang in der harten Nachkriegszeit hat. Aus dem kleinen Einmann-Betrieb in der hohenlohischen Kreisstadt Künzelsau wächst ein global agierender Konzern: Die Würth-Gruppe, der Weltmarktführer in "Befestigungs- und Montagetechnik". In diesem Jahr wird das Unternehmen 60 Jahre alt.
Künzelsau ist bestimmt nicht der schlechteste Nährboden für Erfolgsgeschichten aus dem einstigen Wirtschaftswunderland. Hier im Hohenlohischen gelten die Menschen als besonders fleißig, strebsam und trotzdem bescheiden. Mit solchen Leuten kann man Geschichte schreiben. Würth? Der Name ist vielleicht nicht ganz so bekannt wie die Daimlers, Boschs oder Porsches, was aber eher an den Produkten liegt: Schrauben, Dübel, Stahlanker, Werkzeuge, aber auch Kleber, Bremsbeläge und vieles mehr. Über 100.000 Produkte umfasst das Sortiment der Handelsgruppe. In über 80 Ländern der Erde sorgt Würth heute dafür, dass zusammen bleibt, was zusammen gehört.

Weltweit im Einsatz

Downtown Shanghai: 87 Meter misst der neue Rohbau. Ein Wohnhaus soll es werden und ein wenig mehr Platz schaffen für die mehr als 16 Millionen Einwohner der Zukunftsmetropole. Kalter Wind bläst durch die Etage. Xiao Yu ist gekommen, das zu ändern. Er ist Vizepräsident von Shanghai Mei Te Curtain Wall Systems. Sein Unternehmen verglast Hochhausfassaden. "Shanghai ein Kleid anpassen", sagt Xiao dazu. Das "Kleid" ist aus Glas und misst in allem 10 000 Quadratmeter. Viel Fläche für den Wind, der zu bestimmten Jahreszeiten in Shanghai kräftig bläst, vor allem in dieser Höhe.
Dann lasten bis zu 450 Kilogramm auf jedem Quadratmeter Glas. Klar, dass die Fassade eine äußerst belastbare Aufhängung braucht. Die kommt aus Deutschland. "Wir haben den Bauherrn überzeugt, bei Würth zu ordern", sagt Xiao Yu und zeigt auf die Gewindestangen mit der Bezeichnung "W-VAD M12". Sie sind über den Verbundanker W-VAD sicher im Beton befestigt. Für die Produkte aus dem Hause Würth sprachen vor allem zwei Argumente. Zum einen gibt es auf dem chinesischen Markt keine vergleichbaren Artikel, zum Beispiel chemische Dübel. Würth hat sie im Angebot und vor allem große Erfahrung mit deren Einsatz. Zum anderen schätzen die Bauherren die professionelle und umfassende Betreuung sowie den Service nach Würth-Standard. Wenn nötig, rund um die Uhr. In Shanghai wird länger gearbeitet und geschraubt als in Deutschland.

Menschen zu Höchstleistung motivieren

Der Erfolg der Würth-Gruppe hat viele Geheimnisse. Ursächliche Triebkraft aber ist ein visionärer Unternehmer, der um die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der Märkte weiß. Der seinen Mitarbeitern verinnerlicht, dass sie in erster Linie "nicht beim Unternehmen, sondern ideologisch beim Kunden angestellt sind" sowie Motivation und Menschenführung für alles entscheidend hält. "Ich bin überzeugt, dass Menschenführung zu mehr als 50 Prozent über Gewinn und Verlust entscheidet", betont Reinhold Würth immer wieder. Wenn es geboten ist, kümmert er sich auch heute noch persönlich um Probleme seiner Kunden und Mitarbeiter, auch wenn er die operative Führung seines Unternehmens bereits im Jahr 1994 in andere Hände gegeben hat. Über den Erfolg des Handelskonzerns entscheiden hoch motivierte und leistungsfähige Mitarbeiter im Außendienst. Menschen, die nicht nur Verkäufer sind, sondern ebenso Berater und Partner ihrer Kunden.
Sie haben nicht nur ein auf Herz und Nieren geprüftes Sortiment mit dem strengen "Würth-Siegel" im Angebot, sondern auch ein Ohr für den Markt, für Wünsche und Bedürfnisse der Partner. Ihr persönlicher und steter Kontakt zu Millionen Kunden führt in enger Zusammenarbeit mit den Lieferanten zu passgenauen Produkten für jede Aufgabe. Während viele Unternehmen derzeit am Außendienst sparen, zeigt Würth dass es auch anders geht: Weltweit sind heute 26.000 Verkäufer im Einsatz, das sind elf Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Würth weiß, dass mehr Geschäft nur mit mehr Verkäufern möglich ist. Abstriche bei der Liefer- und Beratungsqualität zugunsten kurzfristiger Mehreinnahmen sind tabu. Würth denkt langfristig und weiß, was es seinen Kunden und Partnern schuldig ist: besten Service und höchste Qualität. Deshalb betreibt Würth auch eine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung. In enger Zusammenarbeit mit den Lieferanten wird hier das Wissen aus Millionen Kundengesprächen in neue oder verbesserte Produkte umgesetzt.

Bester Service, perfekte Logistik

Wer heute Partner einer anspruchsvollen und wettbewerbsintensiven Industrie sein will, muss mehr leisten, als dem Kunden die Ware nur vor die Werkstore zu stellen. Gefordert werden neben Qualität und Rundum-Service auch ausgefeilte Logistiklösungen. Kaum ein Werk leistet sich heute etwa noch ein kostspieliges und großräumiges Lager. Die so genannten C-Teile, dazu gehören zum Beispiel Steckverbindungen, Schrauben, Muttern, Schellen oder Elektroteile, muss der Monteur stets direkt neben den Montagebändern griffbereit haben.
Auch hier hat Würth die passende Lösung: Der Kranbauer Liebherr in Ehingen zum Beispiel setzt auf so genannte Kanban-Regale von Würth. Sie erstrecken sich auf die gesamte Hallenlänge von über 400 Metern. Darin lagern etwa 3.500 verschiedene Artikel der Würth Industrie Service GmbH & Co. KG. "Unsere Facharbeiter haben so immer alles griffbereit", erklärt Rainer Müller, der bei Liebherr für Logistik und Materialbewirtschaftung verantwortlich ist. Einmal in der Woche prüft ein Verkäufer von Würth vor Ort die Materialbestände und bestellt mit Hilfe eines Barcode-Scanners nach Bedarf des Kunden Ware nach.

Die größten Kräne von Liebherr schaffen Traglasten bis zu 1200 Tonnen und wiegen selbst rund 700 Tonnen. Rund acht Tage benötigen die Liebherr-Monteure, um so ein sechsachsiges Monstrum zusammen zu bauen. Nicht auszudenken, stünde dabei die Fertigungsstraße still, nur weil gerade eine winzige Schraube oder eine Steckverbindung fehlt. Kleine Ursache, fatale Wirkung. Damit so etwas nicht passiert, bietet die Würth-Gruppe nicht nur ein reibungslos funktionierendes elektronisches Bestellsystem. Auch die interne Logistik wurde immer weiter verfeinert. Das heißt: Aufträge, die bis 15 Uhr eingehen, werden am Folgetag ausgeliefert. Dieses Versprechen wird zu 98 Prozent eingehalten.

Jeder Kunde wird umworben

Aufträge für die Hersteller von Großanlagen, für die Automobilindustrie oder für ganze Fußballstadien - das sind Vorzeigeprojekte, mit denen sich jedes Unternehmen gerne schmückt. Auch für Würth wichtige, weil umsatzstarke Kunden. Genau so wichtig aber ist für Würth die Partnerschaft mit Millionen von Kleinkunden in aller Welt. Auch sie werden individuell beraten und betreut. Jeder hat einmal klein angefangen - auch in Künzelsau.
Oder er will gar nicht größer werden. Weil sein Handwerk viel Zeit braucht und noch mehr Muße. Wie Roberto Dei Rossi. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern auf der Insel Burano in Venedig - wie es sich für einen Gondelbauer gehört. Er übt einen ausgesprochen seltenen Handwerksberuf mit Jahrhunderte alter Tradition aus, der hohe Kunstfertigkeit verlangt. Weltweit gibt es nur noch drei Betriebe seiner Art. Neben einer guten Ausbildung und viel Liebe zum Detail braucht ein Gondelbauer natürlich hochwertige Werkzeuge und Materialien. Und die liefert Würth. Der Mann vor Ort hat alles, was der kleine Drei-Mann-Betrieb benötigt: von Schrauben und Schleifpapier bis hin zu Werkzeugen und Maschinen. Rostende Schrauben? Unvorstellbar. Für den Gondoliere ist das schließlich eine Frage der Ehre. So wird der Bug mit ASSYplus-Schrauben aus hochwertigem Edelstahl verschraubt. Bei elektrischen Werkzeugen vertraut Signore Dei Rossi ebenfalls auf Würth. Schließlich wollen auch Traditionshandwerker technisch auf dem neuesten Stand sein. Der Würth-Außendienstmitarbeiter steht mit fachlichem Rat zu neuen Produkten zur Seite - monatliche Schulungen sind Pflicht für Würth-Verkäufer. Signore Rossi greift gern darauf zurück. So braucht er sich nicht selbst ständig über Neuheiten auf dem Markt zu informieren.

Tradition bewahren, Fortschritt leben

Es war eine Demonstration der besonderen Art. Und typisch für den vielfach preisgekrönten Unternehmer: Um seinen Mitarbeitern plastisch vor Augen zu führen, wo die Wurzeln des Unternehmens liegen zog Reinhold Würth vor einigen Jahren zu Fuß durch Künzelsau. Mit Schrauben - auf dem Leiterwagen. Wie damals.
Damit nämlich hatte alles angefangen, vor genau 60 Jahren. Im Nebengebäude der Schlossmühle Künzelsau gründete Adolf Würth 1945 eine Schraubengroßhandlung, ein Ein-Mann-Unternehmen plus Ehefrau. Hinter einer eingespannten Kuh fuhr der Firmengründer um Ware abzuholen damals zum Schraubenhersteller ins Nachbardorf, verkauft wurden selbst kleinste Einheiten. Deutschland hatte nach dem Krieg viel zu reparieren.

Der Firmengründer starb 1954 in noch jungen Jahren; mit nur 19 musste sein Sohn Reinhold die Firma übernehmen. Bald gründete Reinhold Würth Filialen in ganz Deutschland. Dann, 1962, wagte er den Sprung in die Niederlande, 1969 in die USA und 1970 nach Südafrika. Würth war in eine Marktlücke gestoßen, lieferte nicht einfach nur Schrauben, sondern richtete Produktpalette und Service am Bedarf seiner Kunden aus. Heute hat die Würth-Gruppe Niederlassungen rund um den Globus, von Argentinien bis Australien. Würth verschraubt die Welt. "Qualität schlägt Preis" - dieses Motto hat dem Vorzeigeunternehmen nicht nur rasantes Wachstum, sondern auch dauerhaft starken Ertrag beschert. Mehr als 47.000 Beschäftigte erwirtschafteten im letzten Jahr einen Umsatz von über sechs Milliarden Euro und ein Betriebsergebnis von knapp 380 Millionen Euro.

Motto 2005: Ein Hoch dem Handwerk

Das Jahr 2005 ist für die Adolf Würth GmbH & Co. KG ein besonderes. Die Fahnen auf dem Firmengelände in Künzelsau kündigen es schon seit Wochen an: Würth wird 60. Das wird nicht nur mit Kunden, Prominenz und Mitarbeitern groß gefeiert. Das ganze Jahr wird unter ein Motto gestellt, das typisch ist für Würth: "Ein Hoch dem Handwerk". Würth weiß, dass der unternehmerische Erfolg nicht allein hausgemacht ist. Er ist auch das Resultat einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem Handwerk.

Dort ist Würth in den letzten Jahren zum Inbegriff für eine Handwerkermarke geworden. Denn sämtliche Produkte, die über die Würth-Linie vertrieben werden, tragen auch diesen Namen. Gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten möchte die Würth-Gruppe das Handwerk deshalb nach Kräften unterstützen und helfen, dessen wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu verbessern. Zu diesem Zweck organisiert Würth im Jubiläumsjahr zahlreiche Veranstaltungen und bietet dem Handwerk praxisnahe Hilfestellungen an. Qualität, Verlässlichkeit, Vertrauen: Damit ist der heutige Weltkonzern Würth groß geworden. Das Unternehmen hat seine Umgebung mit geprägt - als Arbeitgeber, als Förderer von Kunst, Kultur und sozialen Projekten und natürlich durch seine wirtschaftliche Bedeutung. Auf der anderen Seite ist Würth immer ein wenig das geblieben, was es von Beginn an war: Ein Unternehmen mit dem Bewusstsein für seine Tradition, für die Region und ihre Menschen. Menschen, die angeblich alles können - außer Hochdeutsch. Sagt man. Sieht man - in einem Fernsehspot mit dem Grandseigneur des Hauses, Reinhold Würth. Nein, nicht mit den Schrauben, die ihn so groß gemacht haben, geht der Firmenpatriarch beim Bilderaufhängen zu Werke: "Manchmal", sagt er in vernehmbarem Schwäbisch, "manchmal tut`s au a Nagel". Würth freut's trotzdem. Denn Nägel hat das Unternehmen auch im Sortiment.