25/04/06

Federal Commissioner M. Birthler at the Würth Haus Berlin

Federal Commissioner on records of former GDR’s state security service at the Würth Haus Berlin

Berlin. Im Rahmen des Jour fixe, der periodisch wiederkehrenden gesellschafts-politischen Veranstaltungsreihe der Berliner Konzernrepräsentanz der Würth-Gruppe, berichtete Marianne Birthler am 04. April 2006 über den aktuellen Stand der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen.

Was tun, wenn sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehren, wenn ehemalige Stasi-Offiziere sich beginnen wieder zu organisieren, offensiv in Erscheinung treten und durch aggressiv betriebene Propaganda versuchen, die düstere Vergangenheit der gefürchteten Geheimorganisation schön zu färben? Informieren, aufklären und berichten. Authentisch, ungeschönt und lebensnah zur Wirklichkeit der Bürgerrechte in der ehemaligen DDR.

Diesem Grundsatz folgte Marianne Birthler, seit September 2000 als Nachfolgerin von Joachim Gauck Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, zur Einladung in das Würth Haus Berlin. Dort berichtete sie vor einem interessierten Zuhörerkreis aus dem Deutschen Bundestag, der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Presse über die Aufarbeitung der aneinander gereiht 180 km langen Akten der Spitzeltruppe der gottlob untergegangenen SED. Sichtbar wurde unter den mühselig in Puzzlearbeit wieder zusammengefügten Unterlagen, gelagert in zigtausenden von Papiersäcken, ein Sitten- und Gesellschaftsbild der DDR, bei dem alles umfassendes Misstrauen gegenüber allem und jedem nicht allein hingenommen, sondern von der politischen Führungsriege geradezu gewollt und gefördert wurde.Vertrauensbruch und Verrat, Denunzierung und Zerstörung bürgerlicher Existenzen gehörten zum einschüchternden Repertoire der Schergen, ebenso wie 250 000 politische Gefangene des Unrechtsregimes. Was durch über 3 Mio. Überprüfungen bislang ans Licht gelangte, ist ein Abgrund an Menschenverachtung und manisch betriebenem Machterhalt der sozialistischen Nomenklatura. Seelische und existentielle Kollateralschäden, die billigend in Kauf genommen wurden und nicht selten in Hohenschönhausen oder Bautzen endeten. „Alles das muss präzise benannt und schonungslos offen gelegt werden. Weil allein die Begegnung mit der Wahrheit der Schlüssel für eine gesellschaftliche Versöhnung zwischen Tätern und Opfern ist. Vergebung hat die Bitte um Verzeihung zur Voraussetzung“, so Marianne Birthler zum Selbstverständnis der Arbeit ihrer Behörde.

Aber auch Positives wusste Marianne Birthler aus der dunklen DDR-Vergangenheit zu berichten. Immer wieder geraten mit den untersuchten Stasi-Unterlagen Zeugnisse von Zivilcourage und menschlicher Aufrichtigkeit ans Licht: „Die Mehrzahl der Bürger, die von der Stasi zu Spitzeldiensten geworben werden sollten, haben sich dem Ansinnen verweigert oder auf listige Weise entzogen. So ist der Fall zweier Brüder bekannt, zwangsenteignete Erben einer alteingesessenen sächsischen Weinhandelsgesellschaft, die hernach als Angestellte ihres Familienunternehmens arbeiteten. Der eine Bruder sollte über den anderen gegenüber der Stasi Auskünfte geben, „was der Aufgeforderte auch tat; jedoch erst nach zuvor erfolgter brüderlicher Absprache untereinander.“